Das kardiovaskuläre Risiko für Frauen und Männer

Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen und Männern

Das kardiovaskuläre Risiko im Visier: Was Frauen und Männer unterscheidet
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bei Frauen und Männern eine der häufigsten Todesursachen. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Diabetes mellitus, Rauchen und eine familiäre Veranlagung. Lange Zeit wurden Herzkrankheiten jedoch vor allem anhand von Studien mit männlichen Patienten erforscht. Inzwischen zeigt sich deutlich: Frauen und Männer unterscheiden sich sowohl in der Entstehung als auch in der Symptomatik, Diagnose und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede sind medizinisch bedeutsam – insbesondere bei Menschen mit Diabetes.

 

01 | Hormonelle Einflüsse auf das Herz-Kreislauf-System

Menopause und Herz-Kreislauf-Risiko

Ein zentraler Unterschied zwischen Frauen und Männern liegt im Hormonhaushalt. Vor allem das weibliche Geschlechtshormon Östrogen wirkt bis zu den Wechseljahren schützend auf die Blutgefäße. Es fördert die Elastizität der Gefäßwände, wirkt entzündungshemmend und unterstützt einen gesunden Stoffwechsel.

Östrogen und Gefäßschutz bei Frauen

Mit der Menopause sinkt der Östrogenspiegel deutlich. Dadurch verlieren die Gefäße einen wichtigen Schutzfaktor. Diese Zeit vor und nach den Wechseljahren gilt deshalb als „vulnerable Phase“, also als besonders empfindlicher Lebensabschnitt für das Herz-Kreislauf-System. Kommt es frühzeitig zur Menopause, steigt das Risiko zusätzlich.

Nach den Wechseljahren treten häufiger Veränderungen auf, die das Herz-Kreislauf-Risiko erhöhen:

  • Gewichtszunahme und vermehrte Fetteinlagerung im Bauchbereich

  • Anstieg des Blutdrucks

  • Verschlechterung des Zuckerstoffwechsels

  • ungünstige Veränderungen der Blutfettwerte

Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen Risiko

Gerade bei Frauen mit Diabetes mellitus verstärken sich diese Effekte. Diabetes gehört ohnehin zu den wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – bei Frauen scheint er besonders schwerwiegende Folgen zu haben.

02 | Atherosklerose Entstehung Herzinfarkt

Veränderungen der Gefäße und Gefäßverkalkung | Plaque-Erosion bei Herzinfarkt

Herzinfarkte entstehen meist durch Atherosklerose, also durch Ablagerungen (Plaques) in den Gefäßwänden. Diese Plaques bestehen aus Fett, Bindegewebe und Entzündungszellen. Wenn eine solche Ablagerung aufreißt (Plaqueruptur), kann sich ein Blutgerinnsel bilden, das das Gefäß verschließt – ein Herzinfarkt entsteht.

Studien zeigen, dass sich diese Plaques bei Männern und Frauen unterscheiden:

  • Bei Männern sind die Ablagerungen häufiger stark entzündet und instabil.

  • Bei Frauen sind sie oft anders aufgebaut, weniger entzündet, aber nicht ungefährlich.

Bei jüngeren Frauen entsteht ein akutes Koronarsyndrom (z. B. Herzinfarkt) häufiger durch eine sogenannte Plaque-Erosion – also eine oberflächliche Schädigung der Gefäßwand ohne vollständigen Riss.

03 | Herzinfarkt ohne verengte Herzkranzgefäße

INOCA und ANOCA Erklärung

Ein weiterer wichtiger Unterschied: Frauen leiden häufiger an Durchblutungsstörungen, obwohl keine hochgradige Verengung der Herzkranzgefäße sichtbar ist. Man spricht von Ischämie oder Angina pectoris mit nicht-obstruktiven Koronararterien (INOCA bzw. ANOCA).

MINOCA Herzinfarkt bei Frauen

Auch der Myokardinfarkt mit nicht-obstruktiven Koronararterien (MINOCA) tritt überproportional häufig bei jüngeren Frauen auf. Diese Formen werden oft nicht sofort erkannt, weil in der Herzkatheteruntersuchung keine deutliche Engstelle zu sehen ist.

04 | Herzinfarkt Symptome bei Frauen erkennen

Typische und atypische Herzinfarkt Symptome

Ein wesentliches Problem in der Versorgung ist, dass Frauen bei einem Herzinfarkt oft andere Beschwerden zeigen als das „klassische“ Bild mit starken Brustschmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen.

Frauen berichten häufiger über:

  • Luftnot

  • Übelkeit oder Oberbauchbeschwerden

  • ausgeprägte Müdigkeit

  • Schwitzen

  • Schulter-, Nacken- oder Rückenschmerzen

Diese Symptome werden oft als „unspezifisch“ eingestuft. Dadurch kommt es nicht selten zu einer verzögerten Diagnosestellung. Studien zeigen, dass bei Frauen Herzinfarkte in der Notaufnahme häufiger übersehen werden als bei Männern.

Zum Zeitpunkt der Diagnose sind Frauen im Durchschnitt älter als Männer und leiden häufiger an Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck. Entsprechend ist die Sterblichkeit im Rahmen eines akuten Koronarsyndroms bei Frauen höher.

Um dieser Problematik gerecht zu werden, wurden in aktuellen Leitlinien die Begriffe „typisch“ und „atypisch“ ersetzt durch „wahrscheinlich kardial“ oder „wahrscheinlich nicht kardial“. Damit soll verdeutlicht werden, dass Beschwerden individuell unterschiedlich sein können – und dass das „klassische“ Männerbild nicht der alleinige Maßstab ist.

05 | Herzrhythmusstörungen

Auch bei Herzrhythmusstörungen zeigen sich deutliche Unterschiede.

 

Vorhofflimmern bei Frauen Unterschiede zur Behandlung

Schlaganfallrisiko bei Vorhofflimmern Frauen

Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung. Frauen sind bei Diagnosestellung meist älter als Männer. Obwohl Männer insgesamt häufiger betroffen sind, berichten Frauen stärker über eine eingeschränkte Lebensqualität.

Zudem:

  • werden Frauen später einer interventionellen Therapie (z. B. Katheterablation) zugeführt,

  • haben sie nach Eingriffen teilweise höhere Rückfallquoten,

  • treten Nebenwirkungen bestimmter Medikamente bei ihnen häufiger auf.

Frauen sind in klinischen Studien zur Behandlung von Vorhofflimmern deutlich unterrepräsentiert (oft nur etwa ein Drittel der Studienteilnehmer). Dadurch sind viele Therapieempfehlungen historisch stärker auf Männer zugeschnitten.

06 | Herzrhythmusstörungen bei Frauen und Männern

Bestimmte schnelle Herzrhythmusstörungen treten bei Frauen häufiger auf, andere dagegen häufiger bei Männern. Auch hier scheint der Einfluss von Hormonen eine Rolle zu spielen, da manche Rhythmusstörungen zyklusabhängig auftreten können.

Ein Problem ist, dass Beschwerden von Frauen – wie Herzstolpern oder Herzklopfen – gelegentlich vorschnell als psychisch bedingt eingeordnet werden, wenn wiederholte Untersuchungen keine eindeutigen Befunde zeigen. Dies kann dazu führen, dass sich betroffene Frauen nicht ernst genommen fühlen.

07 | Plötzlicher Herztod Unterschiede Frauen Männer

Der plötzliche Herztod tritt bei Männern deutlich häufiger auf als bei Frauen, was vor allem mit der höheren Rate an koronarer Herzkrankheit bei Männern zusammenhängt. Frauen sind im Durchschnitt älter, wenn ein plötzlicher Herztod eintritt, und es liegen häufiger andere, nicht-ischämische Ursachen vor.

08 | Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Herzmedizin

Der Artikel macht deutlich: Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Herzmedizin sind sowohl biologisch als auch gesellschaftlich bedingt. Frauen werden häufig später diagnostiziert, später behandelt und waren lange in klinischen Studien unterrepräsentiert.

Eine moderne, gerechte Medizin sollte deshalb:

  • hormonelle Lebensphasen (z. B. Schwangerschaft, Menopause) stärker berücksichtigen,

  • Risikofaktoren bei Frauen frühzeitig erfassen und konsequent behandeln,

  • unterschiedliche Symptome ernst nehmen,

  • Diagnostik und Therapie individuell anpassen,

  • Frauen gezielt in Studien einbeziehen.

Besonders bei Diabetes mellitus ist eine geschlechtsspezifische Betrachtung entscheidend, da hier das Herz-Kreislauf-Risiko stark erhöht ist.

09 | Geschlechtersensible Medizin bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen – Fazit

Herz-Kreislauf-Erkrankungen betreffen Frauen und Männer gleichermaßen häufig, verlaufen jedoch nicht identisch. Hormonelle Unterschiede, verschiedene Gefäßveränderungen, abweichende Symptome und Unterschiede in Diagnostik und Therapie führen dazu, dass Frauen häufig später erkannt und behandelt werden.

Die Berücksichtigung dieser Unterschiede kann dazu beitragen, Herzkrankheiten früher zu erkennen, gezielter zu behandeln und die Prognose für beide Geschlechter zu verbessern. Geschlechtersensible Medizin ist daher kein Zusatzwissen, sondern ein wichtiger Bestandteil moderner Herzmedizin.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
View all comments